Ab 18. Mai 2018 zeigt sich im DomQuartier Salzburg eine Facette der Sammlung Würth, die angesichts der zahlreichen Sammlungsauftritte zur Kunst der Moderne und der Gegenwart im In- und Ausland bislang weniger deutlich in der öffentlichen Wahrnehmung hervorgetreten ist: die Kunstkammer Würth.

Die exquisite Ausstellung im Nordoratorium zeigt überwiegend Werke des 17. Jahrhunderts, darunter fantasievoll gestaltete Pokale und Trinkgefäße aus Silber und anderen kostbaren Materialien. Die Schnitzereien aus Elfenbein, Alabaster und Buchsbaum stammen von den besten Meistern ihrer Zeit wie Leonhard Kern, Georg Petel und Matthias Steinl.

Solche mit höchster Kunstfertigkeit hergestellten Objekte dienten einst der fürstlichen Repräsentation und wurden in „Kunstkammern“ aufbewahrt. Salzburgs historisches Beispiel ist die ehemalige fürsterzbischöfliche „Kunst- und Wunderkammer“ aus dem 17. Jahrhundert im südlichen Dombogen des DomQuartiers.

Ergänzt wird die rund 70 Exponate umfassende Schau durch „Kunstkammerobjekte“ zeitgenössischer Künstler.

Obgleich eine Auswahl der Kleinode aus der Sammlung des Industriellen, Kunstsammlers und Mäzens Reinhold Würth bereits seit 2005 in idealer Weise die Sammlung des Bode-Museums auf der Berliner Museumsinsel ergänzen und 2003 sowie 2015 in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall temporär bewundert werden konnten, ist ihre Zurschaustellung immer noch eine Besonderheit. Angesichts dieser Tatsache erscheint eine Gastausstellung im DomQuartier Salzburg umso attraktiver.

 

Kunstkammern – staunen und wundern

Die Kunstkammern, die in Europa ab dem 16. Jahrhundert entstanden, werden gerne als Urformen des Museums angesehen. Es wurde gesammelt, was kostbar und interessant war. So wundert es nicht, dass die Bestände der bedeutenden fürstlichen Kunstkammern heute große Museen bereichern. Die Meisterwerke der Sammlung Würth stammen aller Wahrscheinlichkeit nach aus ehemaligen Kunstkammern. Ihre Zusammenschau schlägt eine Brücke zu dieser historischen Form des Sammelns. Als Kollektion vermitteln die Prunkstücke von Leonhard Kern bis Balthasar Permoser ein eindrückliches Bild vergangener wie heutiger Sammelpassion.

Die Sammellust jener Zeit konnte sich an der präzisen Mechanik eines eisernen Schlosses genauso entfachen wie an geradezu atemberaubenden elfenbeinernen Drechselarbeiten. Die uns eigene kunsthistorische Fixierung auf Skulptur, Architektur und Malerei war noch nicht vollzogen und die großen einflussreichen Helden der Florentiner Frührenaissance, wie Filippo Brunelleschi, Lorenzo Ghiberti oder Donatello, waren gelernte Goldschmiede.

Handelsschiffe brachten seit der Entdeckung Amerikas und der Landung der Portugiesen in Indien nicht nur Edelsteine und Gewürze nach Hause, sondern auch Exotisches aus Fauna und Flora, was Kunsthandwerker zu kreativen Wunderwerken inspirierte. Denn die exotischen Trouvaillen waren nicht bloße Materialien, sie waren auch Ausgangspunkt und Inspiration für höchst artifizielle Kreationen, in denen die für Kunstkammerobjekte so typische Verbindung von Naturalia und meisterhafter Handwerkskunst deutlich zutage treten konnte. Beliebt waren etwa Concilien, Schalen von Meerestieren aller Art, unter denen das hell schimmernde Perlmuttgehäuse der aus dem südwestlichen Pazifik stammenden Nautilusschnecke herausragt. Von Amsterdam aus gelangten die kostbaren Nautilusschalen in die europäischen Goldschmiedezentren, in denen sich bald schon Nautilusexperten herausgebildet hatten, die die Schalen mit kleinplastischem Schmuck verzierten. Allein schon durch ihre Form schienen die Objekte prädestiniert, als Pokale und Gießgefäße genutzt zu werden, wie das eindrucksvolle, in Silber gefasste und teilweise vergoldete Exemplar der Sammlung Würth belegt, das vom Nürnberger Meister Johannes (I.) Clauss gefertigt wurde.

Große Nachfrage bestand im 17. Jahrhundert auch nach Elfenbein, das die ostund westindischen Handelskompanien vor allem aus Afrika herbeischafften, um die in Mode gekommene, hoch spezialisierte Technik des Drechselns zu ermöglichen. Als Récréation gehörte das Elfenbeindrechseln sogar zum akzeptierten Kanon hochadeliger Kunstübung, die sich auch architektonisch im Raumtypus hofeigener Drechselkammern niederschlug. Und mehr noch: Vor dem Hintergrund eines mechanistischen Weltbildes, das Gott als den größten Drechsler pries, offenbarten Fürsten in dieser Tätigkeit ihr eigenes Selbstverständnis. Aufgrund seiner sinnlichen Anmutung, des zarten Glanzes und der feinen, belebenden Maserung wurde Elfenbein auch gerne für figürliche Darstellungen verwendet, von denen die Sammlung Würth insbesondere in den Werken des Hohenlohers Leonhard Kern herausragende Beispiele besitzt.

Abbildung: Vier Knäblein aus einer Gruppe von Allegorien der fünf Sinne, 1690/1700
Balthasar Permoser (Kammer b. Traunstein 1651 – 1732 Dresden) zugeschrieben
Elfenbein, Sammlung Würth, Inv. 16738
Foto: Blumka Gallery, New York

Zu jeder Sonderausstellung kann ein Informationsheft in Brailleschrift an allen Kassen des DomQuartiers ausgeliehen werden.

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